Urteil gegen sog. „Schläger von Niendorf“

Urteil gegen sog. „Schläger von Niendorf“

Die Große Strafkammer 27 des Landgerichts Hamburg hat heute (16.07.2008), am 14. Verhandlungstag, die Angeklagten Sascha R. (zur Tatzeit 17 Jahre), Kevin W. (zur Tatzeit 16 Jahre) und Kevin T. (zur Tatzeit 15 Jahre) wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu Jugendstrafen von 4 Jahren und 4 Monaten (Sascha R.), 3 Jahren und 8 Monaten (Kevin W.) und 3 Jahren (Kevin T.) verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft hatte Jugendstrafen von 5, 4 und 3 Jahren beantragt. Die Verteidiger hatten in Übereinstimmung mit der Jugendgerichtshilfe deutlich geringere Jugendstrafen bzw. Bewährungsstrafen (oder gar nur einen Schuldspruch) für ausreichend erachtet.

Die Angeklagten haben am Silvestermorgen 2008 gegen 7.05 Uhr aufgrund eines zumindest bedingten gemeinsamen Tötungsvorsatzes den Geschädigten Cornelis v.d.M., der liegengebliebene Flaschen von den Silvesterfeiern gesammelt hat und den die Angeklagten als „Penner" beschimpft haben, durch eine Vielzahl von Faustschlägen, Tritten und Schlägen mit einer Flasche schwer verletzt. Der Geschädigte hat dabei u.a. einen Trümmerbruch des Jochbeins, Frakturen des Augenhöhlenbodens mit einer Augapfelquetschung und des rechten Schädeldaches sowie einen Teilabriss des rechten Ohres mit einer Riss- und Quetschwunde der Ohrweichteile sowie diverse Platzwunden an Wange und Stirn erlitten und musste mehrfach operativ behandelt werden.

In der Hauptverhandlung sind von den Verteidigern für die Angeklagten schriftliche Einlassungen verlesen worden, in denen die Tatmotive und einzelne, zum Teil gravierende Tatbeiträge in Abrede genommen bzw. nicht mehr erinnert worden sind. Rückfragen durch das Gericht oder den jugendpsychiatrischen Sachverständigen wurden abgelehnt. Aufgrund dieses Verteidigungsverhaltens hat die Tatmotivation der Angeklagten weder von dem Sachverständigen noch vom Gericht mit hinreichender Sicherheit aufgeklärt werden können.

Alle Angeklagten waren uneingeschränkt schuldfähig und in der Lage das Unrecht ihrer Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln. Die Angeklagten waren zwar angetrunken. Ihr Alkoholkonsum hatte jedoch nach dem überzeugenden Gutachten des Sachverständigen Dr. S. nicht ein Ausmaß erreicht, dass ihre Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit erheblich beeinträchtigt gewesen ist. Der jugendpsychiatrische Sachverständige Dr. B. hat bei den Angeklagten teils dissoziale Persönlichkeitsentwicklungsstörungen und teils Impulskontrollstörungen festgestellt, die jedoch nicht einen Krankheitswert erreicht haben, dass ihre Schuldfähigkeit hierdurch oder in Verbindung mit dem genossenen Alkohol erheblich vermindert gewesen ist.

Die Tat der Angeklagten ist von niedrigster Gesinnung und äußerster Brutalität geprägt gewesen. Gleichwohl hat die Jugendkammer mit der gebotenen Sachlichkeit insbesondere aufgrund

  • der polizeilichen und haftrichterlichen Geständnisse bzw. Teilgeständnisse der Angeklagten, denen mangels sonstiger Beweismittel, wie etwa detaillierter Angaben des Geschädigten oder Videoaufzeichnungen einer Überwachungskamera, besondere Bedeutung zugekommen ist,

  • der großen Jugend der Angeklagten und ihrer schweren Kindheit mit teils katastrophalen Familienverhältnissen,

  • sowie der großen Haftempfindlichkeit der Angeklagten, die erstmalig zu einer Jugendstrafe verurteilt worden sind,

die Dauer der ausgeurteilten Jugendstrafen für erzieherisch ausreichend und erforderlich erachtet. Nach dem Jugendgerichtsgesetz waren die Verhandlung und die Urteilsverkündung gegen die drei Jugendlichen nicht öffentlich.